Praxisbeispiel einer gelungenen Unternehmenstransformation: Mein Weg als Unternehmer – Stephan Heiler

Praxisbeispiel einer gelungenen Unternehmenstransformation: Mein Weg als Unternehmer

Allgemein, Nachfolge, Transformation

Es war im Frühjahr 2014. Schon einige Jahre hatte ich mich mit dem Thema einer anderen Arbeitskultur befasst, aber jetzt sollte es ernst werden: Mit einer Kickoff-Veranstaltung mit der gesamten Belegschaft starteten wir in die Unternehmenstransformation der Alois Heiler GmbH – und zwar mit allen zusammen. In der Theorie gab es dafür schon viele Modelle, echte Praxisbeispiele, an denen wir uns hätten orientieren können, gab es nicht.

Viele glauben, dass man „New Work“ schon mal ausprobieren kann, sofern man gerade eine wirtschaftliche Schön-Wetter-Periode hat. Hatten wir aber nicht …

Praxisbeispiel Unternehmenstransformation mit schwierigem Start

Eine Nachfolge in einem Familienunternehmen hat schon viele Unternehmen in eine ernste Krise gestürzt. Natürlich waren bei meinem Antritt als Nachfolger meines Vaters auch manche Mitarbeiter beunruhigt, obwohl ich da bereits über 14 Jahre im Unternehmen arbeitete. Doch in den ersten beiden Jahren als Geschäftsführer – 2012 und 2013 – gab es wenig Veränderungen und die Zahlen waren stabil. Die Phase der Verunsicherung war somit schnell überwunden. Das änderte sich 2014 schlagartig.

Im Frühjahr starteten wir den Transformationsprozess hin zu einem selbstgesteuerten Unternehmen ohne formale Führung. Fast zeitgleich mit dem Transformationsstart ging unser Hauptlieferant insolvent. Davor hatte sich ein früherer Außendienstmitarbeiter selbständig gemacht und kopierte unser Geschäftsmodell. Er nahm einige große Kunden mit und verstärkte sich mit kompetenten Mitarbeitern aus dem Hause Heiler – darunter zwei frühere Führungskräfte. Und kurz nach der Ankündigung unserer Transformation hatten uns schließlich fünf von sieben Führungskräften verlassen. Nein, wir hatten beileibe keinen sonnigen Start unter blauem Waghäusel-Himmel …

Wir aber blieben als Team standhaft.

Ich bin der tiefen Überzeugung, dass diese Standhaftigkeit die Firma damals rettete: Die Mitarbeiter traten mutig in die Verantwortung und wir schafften es, trotz der Widrigkeiten, wirtschaftlich zu überleben.

Außerdem zahlten wir so damals schon auf das Konto unserer Krisenrobustheit ein, die wir heute an den Tag legen – darüber habe ich in meinem letzten Blog berichtet.

Für mich war es eine großartige Erfahrung, dass ich auf die Intelligenz und das Verantwortungsbewusstsein aller Mitarbeiter zählen darf – auch und gerade wenn es ungemütlich wird.

Allerdings habe ich auch ein paar entscheidende Dinge gelernt.

Lernschritte, Meilensteine

Zum Beispiel weiß ich heute, dass Transformation nicht von alleine passiert. Das Einbringen der Intelligenz und das Bewusstsein für die eigene Verantwortung ist etwas, was Sie im Unternehmen aktiv fördern müssen. Dabei ist das Thema Transparenz sehr wichtig: Wir geben uns zum Beispiel im Controlling viel Mühe, die Zahlen so aufzubereiten, dass jeder aus der Belegschaft sie verstehen und in die Entscheidungen mit einbeziehen kann.

Ganz entscheidend aber war, was ich für mich und meine Rolle gelernt habe: Ich muss die Fehlerkultur, die wir uns wünschen, selbst vorleben. Wenn ich also selbst Fehler mache, darf mich jeder auf diese Fehler hinweisen und ich darf sie auch eingestehen. Daran wachse ich und bin gleichzeitig Vorbild.

2016 hatten wir einen Meilenstein erreicht: Wir hatten alle Hierarchien abgeschafft. Ich war (und bin noch) der Geschäftsführer, habe mich aber in meiner Führung so zurückgenommen, dass ich die Mitarbeiter nicht mehr aus ihrer Verantwortung herauslasse.

Das Buch, das steigende Interesse

In dieser Phase waren wir zum ersten Mal sicher, dass wir etwas Großes hingekriegt hatten. Und ich schrieb mit Gebhard Borck, der uns als Berater durch diese Transformation begleitet hatte, das Buch „Chef sein? Lieber was bewegen“.

Schon im Vorfeld hatte es die eine oder andere Anfrage gegeben von Menschen, die wissen wollten, wie wir das bei Heiler Glas so machen: So war zum Beispiel das Fraunhofer IAO bei uns und fühlte unserer Geschichte in einem Interview auf den Zahn. Daraufhin hielt ich anlässlich des Mittelstandsforums BIEC in Stuttgart meinen ersten Vortrag.

Mit Erscheinen des Buches kamen immer mehr Einladungen in diese Richtung und ich merkte: Es gibt viele Unternehmer, die sich durch das, was ich zu erzählen habe, inspiriert fühlen. Sie haben großes Interesse an dem Weg, den die Firma und auch ich als Unternehmer und „als Chef, der sich selbst abschafft“ gegangen bin. Ich kann Ihnen voller Überzeugung sagen, dass ein Unternehmer sich nicht aufopfern muss, damit der Laden läuft. Als Unternehmer bin ich nicht Einzelkämpfer, weder Ruhm noch Leid muss ich alleine mit mir rumschleppen. Dadurch entwickelt sich sowohl die Belegschaft als auch ich mich persönlich immer weiter – als Unternehmer, als Privatperson, als Mensch.

Mein nächster Schritt

Und noch etwas habe ich gemerkt: Ich habe große Freude daran, Impulsgeber zu sein, meine Erfahrungen zu teilen und andere Unternehmer zu ermutigen. Deshalb ist mein nächster Schritt, mir genau dafür mehr Zeit zu nehmen, mir für Sie mehr Zeit zu nehmen. Und so geht der Weg der Transformation für mich und vielleicht auch bald für Sie weiter …

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