Verantwortung vs. Freiheit – 2 Seiten einer Medaille?

Allgemein

Warum die FREIHEITs-STATUE eine starke Schwester braucht!
Und welche konkreten Auswirkungen das auf Unternehmen hat …

Um mich in diesen außergewöhnlichen Zeiten mal gezielt nicht mit Corona zu beschäftigen, habe ich abends bei bestem Wetter auf der Terrasse nach positiven Erkenntnissen und Weisheiten gesucht, die meine Gedanken in die richtige Richtung lenken können.

Nicht ganz unüberrascht landete ich relativ schnell bei der Sinnfrage und einem ausgewiesenen Experten dafür – Viktor Frankl. Ich hatte Viktor Frankl (1905 – 1997), sicherlich einer der beeindruckendsten Denker des 20. Jahrhunderts, noch nie auf Youtube gesucht. Und somit kam ich erstmals in den Genuss, Videos von seinen Vorträgen und Interviews aufzusaugen.
Er inspirierte  mich auch zum Schreiben dieses Textes und insbesondere zur Auswahl des Titels. In einem Vortrag von 1987 referiert er über „die Sinnfrage in der technologischen Gesellschaft“. Die Sinnfrage zu stellen bzw. für sich selbst einen Sinn im Leben zu finden, ist für ihn das oberste menschliche Bedürfnis. Für Zeitgenossen wie Sigmund Freud war die engagierte Sinnsuche ein krankhaftes Verhalten, eine Psychose. Heute beschreibt man die Generation Y gerne als Sinnsucher-Generation. Und gleichzeitig hat man oft keine so rechte Vorstellung davon, was die Sinnfrage eigentlich bedeutet.
Grundsätzlich kann die Sinnfrage gestellt werden, wenn man sich in einer absoluten Krisensituation befindet. Nach Maslow kommt die Sinnfrage allerdings erst zum Vorschein, sobald die wichtigeren Grundbedürfnisse gedeckt sind.
Viktor Frankl ist der festen Überzeugung, dass die Sinnfrage intrinsischen Ursprungs sein muss. Man braucht dazu die innere Freiheit, um für sich den Sinn erkennen und sein Leben danach ausrichten zu können. Die äußeren Umstände, anders als bei Maslows Bedürfnispyramide, sind da zweitrangig. Frankl erkannte seinen Sinn des Lebens während der Nazizeit als Inhaftierter im KZ. Dazu meine Buchempfehlung „…trotzdem Ja zum Leben sagen“ von Viktor Frankl. 

Die Freiheit wird in unserer westlichen Welt zu Recht als hohes Gut angesehen. Allerdings sagt Frankl, an sein Publikum in den USA gerichtet: „Freiheit ist nur die halbe Wahrheit, ist nur die eine Seite der Münze. Das komplette Phänomen (der Sinnfrage, Anm.) besteht aus Verantwortlichkeit. Und ich würde Ihnen, …, empfehlen, dass sie Ihre Freiheitsstatue an der Ostküste durch eine Verantwortungsstatue an der Westküste ergänzen!“

Womit wir beim Thema Verantwortung sind. Seit wir 2014 bei Heiler Glas begonnen haben, die formale Hierarchie abzuschaffen, sind wir mit der gesamten Belegschaft tagtäglich mit der Anforderung konfrontiert, die gewonnene Freiheit sinnvoll und im vollen Bewusstsein der Verantwortung zu nutzen. Die Freiheit, die unsere Mitarbeitenden durch den Wegfall von Weisungsbefugnis gewonnen haben, muss unweigerlich einhergehen mit der Verantwortung für sich selbst, für sein Team und das gesamte Unternehmen. Das mussten wir erst (mühsam?) erlernen! Und das geht einher mit einem Lern- und Reifeprozess für alle. Es gilt, die unterschiedlichen Perspektiven „Ich-Team-Unternehmen“ zu erkennen sowie Situationen reflektieren zu können. Es ist wichtig, die Bereitschaft für einen persönlichen Lernprozess zu entwickeln. Wer sich darauf einlässt, kann tatsächlich Sinn in seiner Arbeit für den Kunden, für das Team, für das  Unternehmen und damit Sinn in einem sehr umfassenden Lebensbereich finden.

Gerade in Zeiten von Corona wird deutlich, welch  zentral wichtige Bedeutung eine qualitativ hochwertige Verantwortungskultur in einem Unternehmen tatsächlich hat.
Die Unternehmen, die bereits im Vorfeld von Corona die Hausaufgaben auf kultureller Ebene gemacht haben, sind mit ihrer Belegschaft auf die gegenwärtige Situation gut vorbereitet. Die Zusammenarbeit ist geprägt von einer zuverlässigen Selbstständigkeit eines jeden einzelnen sowie dem spürbaren Zusammenhalt im Team. Das führt zu kreativen Lösungsansätzen und einer hohen Bereitschaft, diese dann auch konsequent umzusetzen. Der  Teamspirit und das Verantwortungsbewusstsein jedes einzelnen bilden gerade in der Krise die Basis für einen auf die Zukunft ausgerichteten Pro-Aktionismus. Proaktives Handeln ist ein von Viktor Frankl geprägter Begriff und beschreibt die Fähigkeit, den Automatismus zwischen Reiz und Reaktion zu unterbrechen. Dadurch entsteht dazwischen der Raum für die Freiheit, eine bewusste Entscheidung zu treffen. Somit muss der Reiz (Corona-Krise) nicht unmittelbar zur Reaktion (Panik, Aktionismus, Lähmung, etc.) führen. Vielmehr kann man den Reiz als ungewohnte Situation erkennen und verstehen, um  sich dann bewusst den Raum für gute, verantwortungsvolle Entscheidungen zu nehmen – und dann entsprechend proaktiv zu Handeln.

Der Trainer, Persönlichkeit- und Unternehmenskulturentwickler Jonathan Sprungk hat dem Thema Verantwortung einen Großteil seiner Arbeit gewidmet. Mit seinem Ansatz der „Radikalen Verantwortung“ hat er auch unsere Teams nachhaltig weiterentwickelt. Sein Verständnis von radikaler Verantwortung ist:

„Wir übernehmen Verantwortung für das, was ist, sein wird und führen unsere Umgebung in die Verantwortung.“ 

Verantwortung für das, was ist:
Proaktives Handeln im Hier und Jetzt, die Vergangenheit können wir nicht mehr ungeschehen machen, kein Jammern, keine Schuldzuweisung, kein Opfer-Täter-Retter Spiel.

Verantwortung für das, was sein wird:
Bewusstsein für folgende Tatsachen:
– Mit jedem Handeln, wie auch jedem Nicht-Handeln, erzeugen wir Konsequenzen.
– Die Zukunft gestalten können wir ausschließlich im HIER und JETZT.
– Jeder ist in der Verantwortung, im HIER und JETZT sinnvolle Entscheidungen zu treffen.

Wir führen unsere Umgebung in die Verantwortung:
In einer Radikal Verantwortlichen Kultur hat jedes Mitglied verstanden, dass in letzter Konsequenz unverantwortliches Verhalten auf natürliche Weise unerwünschte Konsequenzen insbesondere für sich selbst, wie auch für das übergeordnete Ziel verursacht. Dieses Verständnis gilt für das eigene Verhalten gleichermaßen wie für das Verhalten der Kollegen.
In einer Radikal Verantwortlichen Kultur ist sich darüber hinaus jedes Teammitglied folgender Gesetzmäßigkeiten bewusst:
Für das, was ein Mensch nicht weiß, kann er keine Verantwortung übernehmen.
Hingegen gilt im Umkehrschluss genauso: für das was er weiß, kann er die Verantwortung nicht mehr von sich weisen.

Erst aus dem VerantwortlichSEIN kann eine Verantwortungskultur entstehen, aus der verantwortliche Handlungen und Ergebnisse zu erwarten sind. 

Daher kann keine Verantwortung übertragen werden. Wäre das der Fall, hätten wir viele große Probleme dieser Erde gelöst.
Verantwortung kann nur aus dem VerantwortlichSEIN heraus (an)genommen werden.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen:

  • das Bewusstsein für den Raum, die Freiheit zwischen Reiz und Reaktion zu erleben 
  • die Lust, auf die Suche nach dem wirklichen Sinn Eures Lebens zu gehen 
  • und die Bereitschaft, für das was ist, das was kommen mag und in Eurem Umfeld Verantwortung zu übernehmen.

Herzlich
Stephan Heiler

P.S.: Wer sich näher mit dem Thema Radikale Verantwortung beschäftigen möchte, dem empfehle ich das neue Online-Format.

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3 Kommentare. Leave new

  • Thomas Wendel
    4. April 2020 12:40

    Lieber Stephan,
    Toller Text. Der Wandel vom Ego-System zum Öko-System wird gelingen. Umso früher, je schneller jeder seine Verantwortung(en) übernimmt. Zuerst die für sich selbst und seinen Lebensweg, dann die anderen beiden.
    Let‘s spread the word!
    Beste Grüße!

    Antworten
  • Thomas Weber
    4. April 2020 15:00

    Lieber Stephan,
    tolle Zusammenfassung der Kernthese und tolle Ableitung der Konsequenzen für unser Handeln gerade im aktuellen Umfeld. Danke!
    Beste Grüße
    Thomas
    (Grialetsch 2008)

    Antworten
  • Joachim Beyer-Wagenbach
    4. April 2020 15:38

    Auch beim zweiten Lesen weiterhin ein Genuss! Danke für diese Inspiration.

    Antworten

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